ANITRA Neun Jahre unter Spannung - LIMITED

ANITRA Neun Jahre unter Spannung - LIMITED

ANITRA

Neun Jahre unter Spannung.

Für einen Sneaker braucht man normalerweise keinen Gabelstapler. Für diesen schon.

Als das Segel der ANITRA bei uns ankam, ließ es sich nicht einfach unter den Arm klemmen. Zu groß, zu schwer, zu sperrig. Schon beim Transport wurde klar, dass wir es mit einem anderen Material zu tun hatten als sonst.

Als wir es schließlich ausbreiteten, kam die nächste Frage: Wie macht man aus einem Segel dieser Dimension einen Schuh?

Und vor allem: Welche Teile davon lassen sich überhaupt verwenden?


ANITRA ist eine 12mR-Yacht, 1928 in Deutschland gebaut nach einem Entwurf des amerikanischen Yachtkonstrukteurs William Starling Burgess, Werftpartner war Abeking & Rasmussen.

Die Bezeichnung 12mR beschreibt dabei nicht die Länge des Bootes. Die Yachten sind meist 20 bis 22 Meter lang. Die „12“ ist das Ergebnis einer Vermessungsformel, in die unter anderem Wasserlinienlänge, Rumpfproportionen, Segelfläche und Freibord eingehen.

12mR-Yachten waren kompromisslose Regattayachten. Lang, schmal, mit großer Segelfläche und einer entsprechend großen Crew. Über viele Jahre wurde der America’s Cup mit Yachten dieser Klasse ausgetragen. Sie reagieren unmittelbar auf Wind und Gewichtsverteilung und verlangen viel von Mannschaft und Material.

ANITRA war eine von sechs 12mR-Yachten, die vom New York Yacht Club in Auftrag gegeben wurden. Heute sind ANITRA und ONAWA die einzigen noch erhaltenen Yachten dieser Serie.

2003 wurde ANITRA von deutschen Besitzern übernommen und vollständig restauriert. 2008 kam sie wieder ins Wasser und zurück in den Regattabetrieb.


Neun Jahre im Einsatz

Aus dieser Zeit stammen auch die Segel, mit denen wir heute arbeiten.

Großsegel und Genua der ANITRA wurden von 2008 bis 2017 eingesetzt. In diesen neun Jahren waren sie bei Regatten in Norwegen, Kopenhagen, Århus, Dübvig und Kiel dabei, nahmen am Sterling Cup teil, passierten Skagen und waren immer wieder in dänischen Gewässern unterwegs.

Neun Jahre sind für ein Regattasegel eine lange Zeit. Denn ein Segel steht nicht einfach im Wind. Es ist ein konstruktives Bauteil, das Kräfte aufnimmt und in das Rigg und den Rumpf überträgt.

Entsprechend unterschiedlich sehen die einzelnen Bereiche heute aus.

 

Am Schothorn, dort, wo die Schot angeschlagen wird, ist das Material sichtbar verdichtet. Über Jahre wurde hier ein erheblicher Teil der Zugkraft eingeleitet. Die Oberfläche ist glatt gepresst.

An der Achterkante zeigt sich eine leichte Aufhellung durch UV-Strahlung. Andere Stellen sind durch den permanenten Kontakt mit dem Mast aufgeraut.

Und dann gibt es die diagonalen Linien im Material. Memory Folds – Spuren des wiederholten Bergens und Faltens zwischen den Saisons.

Wer nah genug herangeht, kann ziemlich genau erkennen, dass die verschiedenen Bereiche dieses Segels unterschiedliche Dinge erlebt haben.

 

Wir wollten diese Spuren nicht entfernen.

Wir wollten zunächst verstehen, was sie für die Verarbeitung bedeuten.


Ein Segel, das eigentlich kein Stoff ist

Normalerweise arbeiten wir bei 8beaufort. hamburg mit Dacron. Wir kennen das Material, wissen, wie es sich schneiden und nähen lässt und wie es sich später am Fuß verhält.

Bei ANITRA war das anders.

Das in unseren Unterlagen beschriebene North Sails 3Di ist eine dreidimensionale Faserarchitektur. Die Fasern werden entlang der Lastlinien angeordnet, mit Harz gebunden und thermisch stabilisiert. Anders als bei klassischen Segeln, deren Bahnen zusammengenäht werden, entsteht eine weitgehend zusammenhängende Struktur.

Das Material wurde für eine ziemlich eindeutige Aufgabe entwickelt: Unter hoher Belastung soll es seine Form möglichst exakt behalten.

Für einen Sneaker ist genau das eine Herausforderung.

Ein Schuh muss sich bewegen. Er knickt bei jedem Schritt, wird gestaucht und immer wieder in unterschiedliche Richtungen belastet. Leder kann darauf reagieren und sich formen.

Dieses Segel möchte das nicht.

Es ist steif und unnachgiebig. Wo sich Leder formen lässt, hält das Segel seine Struktur. Deshalb konnten wir die Konstruktion eines normalen Sneakers nicht einfach übernehmen und lediglich das Obermaterial austauschen.

Schnittführung und Belastungszonen mussten neu betrachtet werden. Bei der Verarbeitung braucht das Material Industriemaschinen, Spezialnadeln und einen verstärkten Vorschub.

Und Geduld.


Wie viel Schuh steckt in einem Segel?

Die Größe des Segels ließ zunächst vermuten, dass reichlich Material vorhanden sein müsste.

Das Gegenteil war der Fall.

Denn Quadratmeter sind nicht das entscheidende Maß.

Wir mussten das Segel Abschnitt für Abschnitt betrachten. Wo liegen stark verdichtete Bereiche? Wo befinden sich Memory Folds? Welche Stellen sind durch Mastkontakt aufgeraut? Wie verlaufen die Fasern? Und wie verhält sich eine bestimmte Stelle später genau dort, wo ein Schuh beim Gehen knickt?

Ein Schnittteil kann nicht einfach irgendwo platziert werden, nur weil dort noch eine weiße Fläche vorhanden ist. Schon in der Materialstudie waren deshalb genau diese Fragen zentral: Welche aufgehellten Bereiche können verwendet werden, welche Partien mit Memory Folds, welche Zonen mit Abrieb – und wie viel Material bleibt nach dem Zuschnitt tatsächlich übrig?

Am Ende eignete sich nur ein vergleichsweise kleiner Teil des riesigen Segels für unsere Sneaker.

Das ist ein wichtiger Punkt bei dieser Serie:

Die verfügbare Stückzahl wurde nicht allein am Schreibtisch festgelegt. Das vorhandene Material setzte die Grenze.

Hier würde ich dem Material wirklich Platz geben. Man sieht Nähte, Verstärkungen, Beschläge, unterschiedliche Weißtöne und die braunen Lederpartien. Genau das erklärt den vorherigen Absatz besser als ein weiteres Produktfoto.


Und was passiert mit dem Rest?

Die großen zusammenhängenden Flächen werden nicht entsorgt. Sie eignen sich zwar nicht für die kleinen, stark beanspruchten Schnittteile eines Sneakers, können ihre ursprünglichen Eigenschaften aber weiterhin nutzen.

Aus dem verbleibenden Material entsteht ein Sonnensegel.

Spätestens hier versteht man die Dimension.

Das ehemalige Regattasegel überspannt einen großen Teil des Hofes. Darunter stehen ein Gabelstapler und ein Mensch, die im Verhältnis beinahe klein wirken.

Für unsere Schuhe benötigen wir daraus nur sorgfältig ausgewählte Bereiche. Die großen verbleibenden Flächen bleiben als Fläche erhalten und bekommen eine neue Funktion.

Das gefällt uns an dieser Lösung: Wir müssen dem Material nicht zwanghaft einen einzigen neuen Zweck geben.

Ein Teil eignet sich für Schuhe.

Ein anderer besser als Sonnenschutz.

Das Material entscheidet mit.


Vom Segel zum Schuh

Für den Sneaker haben wir uns bewusst dagegen entschieden, die Unterschiede im Segel möglichst unsichtbar zu machen.

Je nachdem, aus welchem Bereich ein Schnittteil stammt, unterscheiden sich Oberfläche und Struktur. Es gibt leichte Aufhellungen, Druckstellen und Spuren der vergangenen Jahre.

Das sind keine nachträglich erzeugten Effekte.

Sie waren bereits da.


Damit kehrt sich auch der übliche Entwicklungsprozess ein Stück weit um.

Normalerweise entwirft man ein Produkt und bestellt anschließend ein Material, das möglichst exakt den gewünschten Spezifikationen entspricht.

Hier war zuerst das Material da.

Der Schuh musste sich danach richten.

Gerade darin liegt für uns der Reiz dieses Projekts. Wir verwenden kein Segeltuch, das wie ein gebrauchtes Segel aussehen soll. Wir arbeiten mit einem Material, das tatsächlich neun Jahre auf einer Regattayacht eingesetzt wurde.

Die Gebrauchsspuren müssen deshalb auch nicht simuliert werden.


Fast hundert Jahre – und immer noch in Gebrauch

ANITRA selbst ist dabei vielleicht der interessanteste Teil der Geschichte.

Die Yacht ist beinahe hundert Jahre alt und trotzdem kein Museumsstück. Sie wurde gebaut, gesegelt, restauriert und wieder gesegelt. Menschen haben sie gepflegt, repariert und technisch weiterentwickelt. Seit ihrer Restaurierung ist sie wieder aktiv bei Regatten in Nordeuropa unterwegs.

Das ist ein Verständnis von Nachhaltigkeit, das uns bei 8beaufort sehr nah ist.

Nicht weil etwas alt ist, ist es automatisch nachhaltig. Entscheidend ist, wie lange wir Dinge tatsächlich benutzen – und ob Konstruktion, Material und Qualität überhaupt dafür ausgelegt sind.

Wir kennen diesen Gedanken vom Segeln mit unserem eigenen klassischen Holzboot, der Vollkorn. Ein Holzboot ist nie einfach fertig. Das Material arbeitet. Es braucht Pflege und Aufmerksamkeit. Dafür kann es sehr lange bestehen.

ANITRA führt diesen Gedanken noch weiter.

Auf einem Rumpf von 1928 arbeitet moderne Segeltechnologie. Klassischer Yachtbau und hochentwickelte Verbundwerkstoffe stehen hier nicht im Widerspruch. Das Neue sorgt mit dafür, dass das Alte weiterhin benutzt werden kann.

Und nachdem das Segel seine Aufgabe an Bord erfüllt hat, muss auch sein Material noch nicht am Ende sein.

 

Aus ausgewählten Partien entstehen unsere ANITRA-Sneaker.

Aus den großen verbleibenden Flächen entsteht ein Sonnensegel.

Das Segel selbst hat von 2008 bis 2017 auf ANITRA gearbeitet.

Was danach daraus werden konnte, haben nicht wir allein entschieden.

Das Material hatte ein Wort mitzureden.


8beaufort.Hamburg
Sail Legacy Series / ANITRA

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