Bergmannwillesailing vor dem Segelclub

Welle rauf, Welle runter : Hanna Wille und Marla Bergmann sind Anfang zwanzig ­– und segeln bereits olympisch.

 Text: Laslo Seyda, Foto: Niklas Marc Heinecke

Hanna Wille und Marla Bergmann sind Anfang zwanzig ­– und segeln bereits olympisch. Wie fühlt es sich an, zwischen Erwachsenwerden und Wettkampf, Freundschaft und Fernsehauftritten, Sozialleben und Spitzensport hin- und hergerissen zu sein? Wir treffen die beiden Testimonials von 8beaufort.Hamburg da, wo für sie alles begann

 

Das Symbol ist in aller Welt bekannt, die Botschaft ist klar: Hier sind Olympionikinnen zuhause. Man muss ja schließlich zeigen, was man hat.

Auch wenn die Sonne bereits hoch am Himmel steht, die Temperaturen schon weit über die 20-Grad-Marke geklettert sind, ist an diesem Samstagmorgen Ende Juni noch nicht viel los auf der Uferpromenade von Blankenese. Das Café Maats, das sich neben dem markanten Leuchtturm wegduckt, hat seine Schotten noch geschlossen. Die Boote, die an den Stegen im Yachthafen liegen, verstecken sich noch unter ihren Wetterplanen, so als hätten sie sich noch einmal umgedreht unter ihrer Bettdecke. Auch der Mühlenberger Segel-Club MSC ist wie leergefegt. Alle ausgeflogen. Regatta auf der Alster. Und trotzdem, auch wenn niemand da ist, um sie zu sehen, wird gerade eine große weiße Flagge gehisst, die mit fünf verschlungenen Ringen geziert ist.

       

 

Hanna Wille 23 und Marla Bergmann, 22 mit sitzen im Klubraum im ersten Stock des Vereinsheims und schauen hinaus auf die graublau glitzernde Elbe.Sie sind so jung, das man sie reflexartig dutzt.

Die Augen der beiden sehen müde aus.Die Schultern hängen etwas durch. Selbst das Käsebrötchen, das Marla in der Hand hält, wird eher kraftlos statt lustvoll gekaut. Die letzten Wochen waren tough, das kann man dem Newsletter entnehmen, den die beiden verschicken. 6. Juni: Taufe des neuen Bootes. Danach sofort weiter zum Trainingscamp nach Marseille. 26. Juni: Pressebrunch des Deutschen Segel Verbands auf der Kieler Woche und die offizielle Nominierung durch den Deutschen Olympischen Sportbund. Dann: zwei Tage Teambuilding mit den anderen deutschen Seglerinnen und Seglern. Erst am Vorabend sind Marla und Hanna bei ihren Familien in Hamburg angekommen. Und in wenigen Tagen geht es schon wieder los Richtung Frankreich. Anfang Juli findet dort noch eine letzte, viertägige Regatta statt. Es folgt der Einzug ins Olympische Dorf. Letztes Trainingscamp. Countdown. Ab dem 28. Juli geht es in der Bucht von Marseille dann um alles.

Trotz des Stresses, trotz der Anspannung haben Hanna und Marla ein Lächeln übrig an diesem Tag, der sich eigentlich für eine längst überfällige Pause anbieten würde. „Das ist Teil des Spiels“, sagt Marla und beißt nochmal ins Käsebrötchen.

Das Team, das die deutsche Segelhoffnung ist, kennt sich schon seit Kindheitstagen.

 

Hanna ist schon auf Booten unterwegs, da krabbelt sie noch. „Ich bin da quasi reingeboren“, erzählt sie. Der Vater hätte sein Leben lang segelt, ihr älterer Bruder auch. Und die Oma, habe das Boot, das lange in ihrem Besitz war, erst mit Mitte achtzig verkauft.

Marla zieht in der zweiten Klasse aus Berlin nach Hamburg, kommt in dieselbe Klasse wie Hanna, freundet sich schnell mit ihr an, und belegt kurz darauf den ersten Kurs beim Mühlenberger Segel-Club.

Wie viele Kinder startet sie in Einzelbooten, die Optimisten heißen und kaum größer sind als eine Walnussschale. Es dauert nicht lange, da ziehen die Mädchen in ihren Optis zwischen der Kaimauer hindurch, raus aus dem sicheren Hafenbecken und dahin, wo sich sonst die Containerschiffe durch die Elbe wuchten und für ordentlich Wellengang sorgen. Das braucht wirklich Optimismus.

An Wochenende fahren die Mädchen bei Regatten mit, verbringen die Ferien in Trainingscamps, machen mit ihren Familien gemeinsam Urlaubs auf irgendwelchen Dickschiffen, bringen als ehrenamtliche Trainerinnen im Verein anderen ihr Wissen bei.

Hanna und Marla führen durch die Umkleiden im Erdgeschoss des Vereinsheims, in denen sich die Rettungswesten bis zur Decke stapeln und wo die Garderobenbänke noch so aussehen wie in den Schulsporthallen aus den Neunzigern. „Zum MSC kommt man nicht wegen des Styles, sondern wegen des Sports“, sagt Marla, nicht ohne Stolz. Kein Verein in Deutschland hat eine größere Opti-Abteilung. Viel Potenzial für eine Vorbildfunktion.

 

„Wie cool wäre es, wenn eines von den Kids mal über uns sagt: So gut wie die zwei will ich auch mal werden.“

Draußen schauen sie noch einmal bei den Regalen vorbei, in denen die Kinderboote parken, Mast und Segel abmontiert. Popcorn, Blitz und Krosse Krabbe stehen an den Hecks. Hanna und Marla müssen noch immer kichern, wenn sie diese Namen lesen. „Schade, dass Sternchen fehlt“, sagt Hanna, presst die Lippen zusammen und zeigt auf die leere Stelle im Regal. Wäre schon schön gewesen, so ein Wiedersehen. Aber in dem Boot, in dem sie früher saß, flitzt jetzt ein kleines Kind über die Alster.

Im Alter von 14 Jahren steigen die Juniorinnen auf die 420er-Klasse um ­– eine vier Meter zwanzig lange Jolle, die mit zwei Segeln, einem Spinnaker und einem Trapez zum Reinhängen ausgestattet ist.

Seit 2016 sitzen Hanna und Marla sprichwörtlich im selben Boot.

Denn um es zu meistern, braucht es jetzt zwei Besatzungsmitglieder: Marla, die Steuerfrau, kontrolliert das Ruder, setzt das Großsegel, hält das Boot so gut wie möglich auf Kurs. Hanna, die Vorschoterin, bedient das Vorsegel und hängt sich richtig in die Seile, um das Boot bei knackigem Kurs auszubalancieren. Der Wettkampfgeist ist geweckt.

Inzwischen segelt das Duo im 49erFX: einem Skiff, leicht gebaut, extrem stabil, mit breiteren Trapezflügeln, einem noch niedrigen Mast und noch kleineren Segel ­– ein Hochleistungsboot, das die Grenzen der Physik ausreizt. Wenn man sich Videos von Bergmann und Wille im Internet ansieht, kommt man allein von Zusehen ins Schwitzen. Die beiden Seglerinnen ackern, wuchten und pumpen, während sie durch das Wasser schneiden. Sie ziehen an Leinen, trimmen Segeln, tauchen unter dem Baum her, der am Mast von links nach rechts schwenkt, lassen sich fallen, hängen sich in die Seile, stemmen sich mit den Zehenspitzen gehen den Bootsrand, liegen dann fast auf der Wasseroberfläche, fliegen über das Meer, alles perfekt abgestimmt und koordiniert.

Ein Ballett über dem ewigen Blau. Und Hanna und Marla sind die Primaballerinas.

 

2021 werden die beiden U21-Weltmeisterinnen. Im selben Jahr holen sie den zweiten Platz beim Worldcup in den Niederlanden. 2023 folgt der Sieg bei der Kieler Woche. Und nun: die Olympischen Spiele. Würden die beiden Frauen Fußball spielen, wären sie von der Regionalliga in die Champions League aufgestiegen ­– und das gerade einmal in drei Jahren. Damit steigen die Erwartungen. Der Druck nimmt zu.

Die beiden Seglerinnen haben es sich inzwischen auf den Palettenmöbeln der Terrasse gemütlich gemacht. Zeit für ein paar unbequeme Fragen. „Mit welchem Ergebnis wir nach Hause kommen, ist egal, glaube ich“, sagt Marla. „Von den Sportbeobachtern hätte ja kaum jemand damit gerechnet, dass wir in unserem Alter schon in Marseille mitmischen.“ Bei den Seglerinnen und Seglern, die schon bei den Wettkämpfen in Rio und Tokio dabei gewesen seien, vielleicht sogar schon eine Medaille geholt haben, sehe das ganz anders aus.

Aber auch im Verein sind die Hoffnungen in das Segel-Duo groß: In der 63-jährigen Geschichte des MSC sind sie das erste Team, das bei Olympia startet. Als Hanna und Marla sich im April 2024 im französischen Hyères auf den letzten Drücker qualifizieren, ist die Freude riesig bei den Fans. Eine 50-köpfige Gruppe kommt zum Hamburger Flughafen, besingt die jungen Athletinnen mit einem umgetexteten Lied von Segellegende Frank Schönfeldt. Am MSC warten noch einmal doppelt so viele Menschen, sie tragen T-Shirts mit einem aufgedruckten Fotoaufdruck des entscheidenden Rennens. Das Ticket, das die Teilnahmeberechtigung an den Spielen bestätigt, hängt heute über dem Tresen im Klubraum, hinter Glas gerahmt. Und selbst wenn diese vielen Menschen und ihre Träume nicht wären, bleiben doch noch die eigenen Erwartungen.

Was erwarten Hanna und Marla von sich selbst?

Die Antwort kommt ohne Zögern, von beiden gleichzeitig: "Unter die Top Ten kommen ."

Hanna und Marla lachen kurz laut auf, und reißen sich dann wieder am Riemen.

Das ist kein Witz.

„Klar, wir sind noch nie gegen die weltbesten Seglerinnen angetreten“, gesteht Hanna. „Außerdem ist Marseille ein sehr kompliziertes Segelgebiet.“ Ob der Wind jetzt auflandig oder ablandig weht und mit wie vielen Knoten, das ändere sich jeden Tag. Aber damit sei es genau das richtige Revier für gute Allrounder, die mit jeder Windstärke was anfangen können. „Gute Allrounder wie wir.“

Das Mindestziel für die beiden Hamburgerinnen ist das Medal Race, das am letzten der vier Regattatage stattfindet. Hier kämpfen die zehn besten Teams um einen Platz auf dem Treppchen. Für Hanna und Marla geht es aber mehr um nur einen Listenplatz, um mehr als ein veredeltes Stückchen Silber. Eine Top-Platzierung sichert auch, wie viel Unterstützung sie weiterhin vom Deutschen Segelverband bekommen, wie hoch die Fördergelder vom Deutschen Olympischen Sportbund ausfallen und ob sie im Kader für das kommende Jahr landen.

Was, wenn das Ergebnis enttäuscht?

„Enttäuschungen sind einfach Teil des Prozesses, ein Schritt auf dem Weg zum Erfolg. Da sollte man nicht zu viel hineininterpretieren“, sagt Marla und es hört sich so wahnsinnig professionell und auch ein wenig hart. „Der Sport lehrt einen, dass es nicht immer glattläuft im Leben“, sagt Hanna. "Mal geht die Welle rauf, mal geht sie runter. "

So wie im Frühjahr 2024, erzählt Hanna, da sei sie in ein ziemliches Tief geraten. Während der Weltmeisterschaft auf Lanzarote habe es drei Chancen gegeben, um sich die Olympia-Teilnahme zu sichern ­– und alle drei hätten sie und Marla vermasselt. „In den letzten beiden Jahren haben wir unsere Leistung immer weiter gesteigert. Und eigentlich bin ich sehr gut darin, das Ergebnis einzuschätzen. Als wir es dann aber nicht gepackt haben, war ich so geschockt und frustriert, dass ich fünf Tage lang nicht drüber nachdenken konnte, geschweige denn darüber reden.“

Kurz habe sie darüber nachgedacht, alles hinzuschmeißen und endlich ihr Studium anzugehen. Einfach nur Klausuren schreiben, die vorgegeben sind. Einfach nur den Abschluss machen, so wie geplant.

„Da hat man was, woran man sich orientieren kann und nicht komplett aufreiben muss“, so Hanna. Ein Weg ohne großen Widerstand.

Für ein paar Augenblicke werden die beiden jungen Frauen sehr nachdenklich. „Man merkt schon, wie sich das Leben verändert, wie sich Freundschaften verlaufen, wie man sich von manchen Menschen entfernt“, sagt Marla. „Während wir trainieren und teilweise drei oder vier Monate am Stück unterwegs sind, planen unsere Freunde coole Urlaube, ziehen mit der Partnerin oder dem Partner zusammen, gründen vielleicht eine Familie. Das sind völlig unterschiedliche Welten.“ Besonders schwierig sei es für sie, durch Familienfotoalbum zu blättern und zu sehen, welche Familienfeste, Urlaube oder schöne Momente man so verpasst hat.

Solange es mit dem Segeln gut läuft, solange die gesetzten Ziele auch erreicht werden, lässt sich dieser Wehmut wegdrücken. Bleiben die Erfolgserlebnisse aber aus, kommen die Zweifel. „Hätten wir es nicht zu den Olympischen Spielen geschafft, wäre es wirklich schwierig“, gesteht auch Marla. „Zum Glück haben wir Sportpsychologin. Die kennt viele Methoden, wie wir mit solchen Aufs und Abs besser klarkommen und die uns die Kraft geben, trotzdem weiterzumachen.“

Außerdem hätten sie noch immer einander: „Etwas, das uns auch von anderen Segelteams unterscheidet, ist die Beziehung, die wir an Land führen. In Kiel wohnen wir nur zwei Minuten voneinander entfernt. Klar, wir gehen nicht so oft ins Kino oder Kaffeetrinken wie andere Freundinnen. Aber wir machen alles füreinander möglich, stärken uns gegenseitig in unseren Entscheidungen.

Und weil da jemand ist, der dasselbe durchgemacht hat wie man selbst, der sich genauso fühlt, dann fühlt man sich auch weniger allein und weniger falsch in dem Moment“ sagt Hanna.

Eine Frage drängt sich bei so vielen ernsten Gedanken auf: War es das alles wert? Würdet Ihr heute irgendetwas anders machen?

„Nein“, sagt Marla. Nach dem Weltmeisterschaftstitel hätten sie sich nun einmal dafür entschieden, sich hundertprozentig aufs Segeln zu konzentrieren, alles andere erst einmal zurückzustellen. Und weil gerade alles nach Plan verläuft, gäbe es auch nichts zu bereuen. „Wir zu den Olympischen Spielen. Also haben wir offensichtlich ziemlich viel richtig gemacht.“ Welle runter, Welle rauf.

Und was die Zukunft betrifft?

„Keine Ahnung“, sagt Hanna. „Man verändert sich ja auch mit der Zeit. Nur weil wir momentan so für unseren Sport brennen, heißt das nicht, dass das immer so bleibt. Der nächste Monat ist geplant. Die Olympischen Spiele 2028 sind im Blick.

 

Alles andere lassen wir auf uns zukommen.

Wir leben im Moment.

Heute könnte man doch vielleicht eine entspannte Runde Golfen gehen, schlägt Hanna vor. Oder einfach mal schlafen, wirft Marla an. Alles, nur nicht aufs Boot: Darin sind sich die beiden einig.

 

 

Für noch mehr aktuelle Infos zu Hanna und Marla´s Weg: BergmanWilleSailing

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