Hart am Wind

HART AM WIND

8beaufort.Hamburg zeigt klare Kante in Sachen Nachhaltigkeit. Weil es dringend einen Wandel in der Modebranche braucht. Und weil Gründerin Sabine Moormann weiß, dass sie nichts zu verlieren hat

Text: Laslo Seyda, Foto: Niklas Marc Heinecke

Nebel liegt über der Elbe. Es nieselt. Am Himmel über Blankenese hängt eine dichte graue Wolkendecke. Sabine Moormann strahlt trotzdem, als sie an diesem Tag im September 2021 ihre Haustür öffnet. Das Wetter macht ihr nichts aus. Im Gegenteil. Sie mag es, wenn ihr Wind um die Ohren weht; wenn Regen die Hände und Gesicht sprenkelt; wenn Kälte die Ärmel und Hosenbeine hinaufkriecht und so herrlich kitzelt. Sieben Regenjacken hängen bei ihr im Wandschrank, für jedes Schietwedder eine. Gerade erst war Moormann mit ihrem Hund Carlos vor der Tür, einem Deutsch-Drahthaar, der mit seinem schüchternen Blick und dem noch feuchten Fell etwas an einen begossenen Pudel erinnert. „Selbst bei Sturm geh ich mit ihm raus“, sagt seine Besitzerin und lacht. „Ich genieße das richtig.“

Sabine Moormann, 50, braun gebrannt, Augen so blau wie Grönlandeis, ist die Gründerin der Marke 8beaufort.Hamburg. Das kleine Unternehmen ist nicht einfach auf der Skandinavien-Welle aufgesprungen, mit der sich gerade so gut Geld verdienen lässt. Ganz im Gegenteil: Der Wind, die Wellen und die Weite, die Sneaker, Taschen und Hüte von 8beaufort.Hamburg im Namen tragen, sind tief in Wesen der Marke verankert. Denn jedes Produkt ist aus alten Segeln gefertigt.

Sie mag es, wenn ihr Wind um die Ohren weht; wenn Regen die Hände und Gesicht sprenkelt; wenn Kälte die Ärmel und Hosenbeine hinaufkriecht und so herrlich kitzelt

Sabine Moormann hat es sich auf dem grauen Sofa im Wohnzimmer gemütlich gemacht, in ihrer Lieblingsecke, eingekuschelt in einen übergroßen Kapuzenpulli. Ihre Wohnung, ist nicht sonderlich groß, aber sehr gemütlich. Alles hier ist im nordischen Stil eingerichtet, reduziert, geschmackvoll, viel Holz, viel Weiß. Es gibt noch ein Schlafzimmer, ein Esszimmer, dazu die kleine geflieste Küche mit den alten Schränken. Durch das kleine Sprossenfenster und vom Balkon bietet sich ein weiter Blick über Hügel mit Fischerhäuschen und dicken Villen, die sich dicht aneinander drängeln. Weiter unten schwappt der Fluss an den Strand mit dem dicken braunen Sand.

Auch wenn Moormann ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen kommt: Hier, im Norden, fühlt sie sich zuhause, seit ihrer Kindheit schon. Ihre Eltern Wilhelm und Christel arbeiten in der Freizeit als Jugendbetreuer, nehmen ihre Tochter jeden Sommer mit ins Feriencamp auf Amrum. Dort sammeln sie und die anderen Kinder den ganzen Tag lang Muscheln, fahren mit dem Krabbenkutter raus auf die Nordsee oder besuchen die Vogelkoje, in der Gänse, Enten, Hirsche und Wildkaninchen leben. In der Natur sein, sie erforschen, sie respektieren lernen: Für die kleine Sabine ist das selbstverständlich.

Zuhause, in westfälischen Herzogenrath, wird sehr bewusst gelebt, sparsam, ressourcenschonend. Die Eltern gehören zur Kriegsgeneration. Sie vergeuden kein Essen; reparieren, was kaputt ist; verwerten wieder, was wiederzuverwerten ist. „Wegschmeißen können wir uns nicht leisten“, heißt es oft. Wenn der Vater der Mutter zu Weihnachten neue Blusen oder Röcke schenkt, ist das immer etwas Besonderes, das Highlight für das ganze nächste Jahr. Die Wertschätzung für die Dinge des Alltags ist groß in der Familie. Und was zu teuer ist, Taufgewänder oder Brautkleider zum Beispiel, wird einfach selbst genäht. Oma Frieda ist gelernte Schneiderin, die macht das schon. Frieda ist es auch, die ihrer Enkelin Sabine die ersten Stiche beibringt, auf der alten Singer-Maschine, die noch mit Fußpedalen läuft. Als Jugendliche näht sich Moormann ihre eigenen Hosen und Karnevalskostüme. „Ich hatte schon immer einen großen Bezug zur praktischen Arbeit, ich will einfach machen!“ Der Ursprung ihres Unternehmertums. Von da an ist jeder Job ein weiterer Schritt hin zur Gründerin.

Mitte der Neunziger, während sie Lehramt in Aachen studiert, arbeitet Moormann für einen kleinen Mobilfunkanbieter. Zusammen mit ein paar Kommilitonen stellt sie Mitarbeiter ein, eröffnet Shops, etabliert Abläufe und Strukturen, entwickelt eigene Werbekampagnen. Als die Firma expandiert, wird sie als Marketingmanagerin nach Frankfurt geschickt. Drei Jahre später, 2001, zieht es Sabine Moormann nach Köln, dieses Mal in die Modebranche. Für eine Reihe großer Marken und Produzent:innen übernimmt sie den Einkauf der Materialien, das Produktmanagement, den Vertrieb, die Beratung, das volle Programm. Und Moormann hat Erfolg. Weil sie motiviert ist, flexibel, erfinderisch und belastbar. „Außerdem wird mir schnell langweilig. Ich brauche immer was um die Hand, immer neue Herausforderungen.“

Mit jeder neuen Stelle, mit jeder neuen Aufgabe wird aber auch der Gegenwind stärker. „Je größer das Modeunternehmen war, desto weniger konnte ich was bewegen, was verändern. Das hat mich ziemlich frustriert“, sagt sie und rückt ein Kissen auf dem Sofa zurecht, als wollte sie nachträglich die Kontrolle zurückerlangen. „Außerdem war ich entsetzt, wie viele Kleidungsstücke einfach so im Müll gelandet sind.“ Schätzungen zufolge werden jedes Jahr rund 230 Millionen Textilien vernichtet, weil sie nicht verkauft wurden. „Krass, oder?“, sagt Sabine Moormann. Irgendwann nimmt ihre Vision konkrete Formen an: ein eigenes Unternehmen aufbauen, aber ein nachhaltiges.

In der Natur sein, sie erforschen, sie respektieren lernen: Für Sabine Moormann ist das selbstverständlich

Dann kommt der Orkan, der alles auf den Kopf stellt.

Moormann erzählt, dass sie sich immer eine eigene Familie gewünscht habe; dass sie sich mit ihrem Partner einen kleinen Bauernhof bei Aachen gekauft und renoviert habe; dass jeder Mensch doch was hinterlassen wolle. Doch der Traum des Paares bleibt unerfüllt, trotz langem Warten. Auf die Frage, was das mit ihr gemacht habe, schaut Sabine Moormann aus dem Fenster, hinaus in den Nebel. Es hat zu regnen angefangen. Moormann lächelt, etwas bedrückt. Ihre Augen strahlen nicht mehr ganz so wie zuvor. „Tja, man kann sich im Leben viel wünschen.“ Dann zitiert sie den Schriftsteller Gorch Fock, der berühmt wurde mit seinen Beschreibungen von Gefahr und Schmerz und Tod zur See. „Gegeben sind Wogen und Wind, Segel aber und Steuer, dass ihr den Hafen gewinnt, sind euer.“

Sabine Moormann versteht: Sie entscheidet selbst über ihr Schicksal. Im Alter von 40 Jahren, von jetzt auf gleich, fängt sie deshalb noch einmal komplett vor vorn an, reißt das Steuer um, zieht nach Hamburg. Fürs Erste führt sie eine Beziehung auf Entfernung, nimmt ein Hundewelpen aus dem Tierheim bei sich auf, das ein bisschen aussieht wie ein begossener Pudel. 2016 dann schreibt sie sich für ein Fernstudium in Umweltwissenschaften, Nachhaltigkeitsmanagement und Mode ein. Parallel dazu gründet sie die fashion-evolution GmbH, mit der sie nachhaltige Marken entwickeln und beraten will. Aus dieser Firma geht im Jahr 2018 auch die Marke 8beaufort.Hamburg hervor. Auf der Beaufortskala, an der sich Seeleute orientieren, bedeutet die Zahl 8, dass alle Zeichen auf Sturm stehen. Demnächst soll noch der Slogan „Sail your course“ die Marke schmücken, frei übersetzt: Setz deinen eigenen Kurs.

Die Idee, Sneaker aus alten Segeln zu produzieren, liegt nahe. Das macht sonst keiner. Außerdem hat Sabine Moormann bei ihren früheren Arbeitgebern jahrelang den Bereich Schuhe verantwortet, eine gewaltige Expertise aufgebaut. Und, weil sie seit ihrer Jugend segelt, weiß sie, dass die Laminatsegel, die an den meisten Bootsmasten hängen, ein großes Problem für die Umwelt sind. Denn die Tücher gelten als Sondermüll, der in der Regel verbrannt wird. Sabine Moormann glaubt, dass sich aus den Segeln noch was Schönes machen lässt. „Vor allem wollte ich beweisen, dass man diese Idee groß und profitabel werden kann.“ Upcycling, das Wieder- und Aufwerten gebrauchter Materialien, ist für sie mehr als ein Hobby oder bloße Bastelei. Es ist ein Geschäftsmodell. Ein Geschäftsmodell, dass ihren Werten entspricht: „Ich möchte die Welt besser hinterlassen, als ich sie vorgefunden habe.“

Zusammen mit einer Designerin analysiert sie Sneakertrends, zeichnet Schnittmuster, wählt Farben und Materialien aus. Moormanns Vorteil: Sie hat bereits viele Kontakte zum Handel, kennt die Produktionsabläufe, kennt sogar schon einige Unternehmen in Portugal, die relativ preiswert aber gleichzeitig verantwortungsvoll produzieren und verlässlich liefern. Die ersten Muster stellt die Gründerin eigenhändig her – mit einem alten Segel, das sie von ihrem Holzboot Nanuk einholt, das im Yachthafen von Wedel vor Anker liegt.

Während sie ihr Business aufbaut, durchforstet Moormann die Kleinanzeigen in Zeitungen und Onlineportalen nach ihrem wichtigsten Material. An den Wochenenden klappert sie Segler:innen im gesamten norddeutschen Raum ab. Aus verstaubten Dachböden und den hintersten Ecken von Bootshäusern ziehen sie kleine Schätze hervor. Inzwischen bekommt Moormann die meisten Tücher über ihr nationales und internationales Netzwerk. „Es ist kaum zu glauben, wie viele Segel einfach so vor sich hingammeln.“

»Das perfekte Produkt gibt es einfach noch nicht; eines, das hochwertig und langlebig ist, bequem und schadstofffrei, fair produziert und komplett nachhaltig und dann auch noch bezahlbar. Aber ich setze alles daran, dieses Produkt zu erschaffen.«

Etwas komplizierter ist die Sache bei den anderen Materialien. Manche Schuhe von 8beaufort.Hamburg haben Sohlen aus Naturkautschuk. Dieser Rohstoff ist zwar biologisch abbaubar, Kautschukbäume wachsen aber oft in Plantagen, für die Tropenwälder gerodet wurden. Bei anderen Modellen sind die Einlagen aus Leder. Deshalb setzt Sabine Moormann bei ihrer Kommunikation auf Transparenz und einen offenen Dialog mit ihren Kund:innen. Bislang konnte sie noch jeder Kritik den Wind aus den Segeln nehmen. „Das perfekte Produkt gibt es einfach noch nicht; eines, das hochwertig und langlebig ist, bequem und schadstofffrei, fair produziert und komplett nachhaltig und dann auch noch bezahlbar“, sagt Moormann. „Aber ich setze alles daran, dieses Produkt zu erschaffen.“

Bis es soweit ist, führt Moormann ihre Unternehmen so ökologisch wie möglich. Sie hat extra einen Qualitätsmanager engagiert, der regelmäßig ein Auge auf die Produktion in Porto hat. So erspart sie sich und der Umwelt unnötige Businesstrips. Nur einmal im Jahr fliegt sie noch runter, um die neue Kollektion freizugeben. Den Hin- und Rückflug kompensiert sie – ebenso den CO₂-Ausstoß, den der Versand ihrer Produkte verursacht. Und die Polstermasse in den wiederverwerteten Versandkartons ist nicht aus Plastik, sondern aus geschredderter Pappe, die die Umwelt nicht belastet. Die ganze Lieferkette ist durchdacht: von den Materialien und die Herstellung, über den Transport und die Lebensdauer der jeweiligen Produkte.

Ideen für neue Produkte hat die Unternehmerin genug: »Mal sehen, was wir noch so alles in den Häfen finden«

Und die Marke mit der markanten Acht im Logo scheint wirklich gut anzukommen: Hat Sabine Moormann für ihre erste Kollektion im Jahr 2019 noch wenige hundert Paar Sneaker fertigen lassen, sind es inzwischen schon Zehntausende. Den Kunden scheint das Konzept zu gefallen, die Nachfrage ist groß. Inzwischen sind auch High-Tops und vegane Modelle im Sortiment, neben den Schuhen auch Taschen aus alten Segeltüchern, in allen Größen und Formen. Und 2022 kommt die erste Kollektion für Herbst und Winter. Ideen für neue Produkte hat die Unternehmerin genug: „Mal sehen, was wir noch so alles in den Häfen finden.“

Auch wenn Nachhaltigkeit für viele noch immer als Marktnische gilt: Angst vor Misserfolgen, Panik vor einer Pleite habe sie keine, sagt Sabine Moormann. „Es gibt Schlimmeres, als eine Firma vor die Wand zu fahren. Ich weiß es aus eigener Erfahrung.“

Dann steht sie vom Sofa auf. Carlos muss noch einmal nach vor die Tür. Dort pläddert es jetzt dicke Tropfen, es pfeift um die Häuserecke. Sabine Moormann streift ihren knallgelben Friesennerz über, zieht sich die Kapuze etwas tiefer ins Gesicht, lächelt noch einmal und tritt dann aus der Tür, hinein ins Schietwedder.

Den Widrigkeiten trotzen, kein Risiko scheuen, in der Seglersprache gibt es dafür einen Ausdruck: Hart am Wind.